Selank und Semax sind zwei synthetische Peptide, die in der Literatur zur Neurochemie und Neuropharmakologie immer wieder vorkommen. Beide wurden in Russland entwickelt, beide bauen auf kurzen regulatorischen Peptidsequenzen auf, und beide tragen ein charakteristisches Konstruktionsmerkmal — ein C-terminales Pro-Gly-Pro-Motiv —, stammen jedoch von völlig unterschiedlichen Ausgangsmolekülen ab und werden in weitgehend verschiedenen Forschungssystemen untersucht. Dieser Überblick stellt sie nebeneinander.
Das Folgende fasst zusammen, wie jedes Peptid in peer-reviewten Labor- und Tiermodellstudien beschrieben wird — zur Orientierung innerhalb der Forschungsgemeinschaft. Es beschreibt keine Anwendung am Menschen, keine klinischen Wirkungen, keine Dosierung und keinerlei Ergebnisse. Beide Verbindungen werden ausschließlich für die Laborforschung geliefert — sie sind keine Arzneimittel, und nichts hier sollte als Aussage über Angst, Kognition, Gedächtnis oder irgendeine Wirkung beim Menschen verstanden werden.
- Selank ist ein synthetisches Analogon des immunmodulierenden Peptids Tuftsin; Semax ist ein synthetisches Analogon eines ACTH-Fragments (ACTH(4-10)).
- Beide tragen ein C-terminales Pro-Gly-Pro-Motiv, das auf verbesserte Beständigkeit gegen enzymatischen Abbau untersucht wird.
- In Labor- und Tiermodellen werden sie auf Effekte auf Neuromodulatorsysteme, die BDNF-Expression und — bei Selank — die Immunsignalgebung untersucht.
- Beide werden nur für die Laborforschung geliefert und sind in der EU, den USA und den meisten Rechtsordnungen keine zugelassenen Arzneimittel.
Zwei Peptide, eine Konstruktionsidee
Selank und Semax gehören zu einer Familie kurzer Peptidanaloga, die am Institut für Molekulargenetik der Russischen Akademie der Wissenschaften entwickelt wurden. Die Konstruktionsstrategie beider ist ähnlich: Man nimmt eine natürlich vorkommende regulatorische Peptidsequenz, die biologisch interessant, aber schnell abbaubar ist, und hängt ein kurzes stabilisierendes Fragment an — hier das Tripeptid Pro-Gly-Pro (Prolin-Glycin-Prolin) am C-Terminus —, um den enzymatischen Abbau zu verlangsamen. Prolinreiche Enden widerstehen vielen Peptidasen, weshalb das angehängte Pro-Gly-Pro als Möglichkeit untersucht wird, die Beständigkeit des Peptids in Labor- und biologischen Medien zu verlängern.
Über dieses gemeinsame Motiv hinaus gehen die beiden auseinander. Ihre Ausgangsmoleküle stammen aus unterschiedlichen Signalsystemen — eines immunologisch, eines melanocortin-/kortikotrop —, und die Forschungsfragen an jedes spiegeln diese Herkunft wider.
Selank: ein Tuftsin-Analogon
Selank ist ein synthetisches Heptapeptid auf Basis von Tuftsin, einem natürlich vorkommenden Tetrapeptid (Threonin-Lysin-Prolin-Arginin), das klassisch als immunmodulierendes Fragment der schweren Immunglobulinkette beschrieben wird. Selank bewahrt die Tuftsin-Sequenz und fügt das C-terminale Pro-Gly-Pro-Motiv hinzu, was die Sequenz Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro ergibt. Die Tuftsin-Abstammung erklärt, warum sich ein Teil der Selank-Forschungsliteratur mit der Immunsignalgebung befasst und nicht allein mit dem Nervensystem.
In Labor- und Tiermodellen wurde Selank auf mehrere unterschiedliche Aktivitäten untersucht. Da es von Tuftsin abstammt, haben Studien seinen Einfluss auf Immunmarker betrachtet — die Expression von Interleukinen und Interferonen in Zell- und Tiermodellen. Ein weiterer Forschungsstrang untersucht seine Wechselwirkung mit Monoaminsystemen, einschließlich der serotonergen Signalgebung, und mit der GABA-bezogenen Neurotransmission. Berichtet wurde auch über Effekte auf die Aktivität enkephalinabbauender Enzyme und auf die Expression von Genen, darunter BDNF, im Gehirngewebe von Nagern. Dies sind mechanistische Beobachtungen in Forschungsmodellen und keine nachgewiesenen Wirkungen beim Menschen.
Semax: ein ACTH-Fragment-Analogon
Semax ist ein synthetisches Heptapeptid, das von ACTH — dem adrenocorticotropen Hormon — abgeleitet ist. Seine Sequenz entspricht dem ACTH(4-7)-Fragment (Methionin-Glutamat-Histidin-Phenylalanin), dem Bereich, der oft als Teil von ACTH(4-10) betrachtet wird, erneut erweitert um das C-terminale Pro-Gly-Pro-Motiv, was Met-Glu-His-Phe-Pro-Gly-Pro ergibt. Anders als sein Ausgangshormon wird dieses Fragment auf Effekte untersucht, die als unabhängig von der klassischen kortikotropen (steroidfreisetzenden) Aktivität des vollständigen ACTH beschrieben werden.
Die Semax-Forschungsliteratur konzentriert sich auf das Nervensystem. In Nagermodellen wurde es auf Effekte auf die Expression neurotropher Faktoren untersucht — vor allem des Brain-derived neurotrophic factor (BDNF) und seines Rezeptors TrkB sowie des Nervenwachstumsfaktors (NGF) — im Hippocampus. Andere Studien betrachten die Modulation des dopaminergen und serotonergen Systems, das Plasminogen-/Plasmin-System und breite, auf Transkriptomebene angesiedelte Verschiebungen der Genexpression nach Verabreichung an Labortiere. Semax wurde auch in Nagermodellen der zerebralen Ischämie als Forschungswerkzeug zur Neuroprotektion untersucht. Auch dies sind präklinische, mechanistische Befunde, keine gesicherten Wirkungen beim Menschen.
Selank und Semax im Vergleich
Die Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen. Das wiederkehrende Thema ist, dass beide Peptide einen technischen Kniff teilen — den Pro-Gly-Pro-Schwanz —, aber auf unterschiedlichen biologischen Grundlagen stehen.
| Merkmal | Selank | Semax |
|---|---|---|
| Ausgangsmolekül | Tuftsin (immunmodulierendes Tetrapeptid) | ACTH(4-10)-Fragment (aus dem adrenocorticotropen Hormon) |
| Kernsequenz | Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro | Met-Glu-His-Phe-Pro-Gly-Pro |
| Stabilisierendes Motiv | C-terminales Pro-Gly-Pro | C-terminales Pro-Gly-Pro |
| Wichtigste Forschungssysteme | Immunsignalgebung, Monoamin- und GABA-bezogene Bahnen, Enkephalinase-Aktivität | Neurotrophe Faktoren (BDNF, NGF), dopaminerges und serotonerges System, Ischämiemodelle |
| Herkunft | Institut für Molekulargenetik, Russische Akademie der Wissenschaften | Institut für Molekulargenetik, Russische Akademie der Wissenschaften |
| Regulatorischer Status | Forschungsverbindung; in den meisten Rechtsordnungen kein zugelassenes Arzneimittel | Forschungsverbindung; in den meisten Rechtsordnungen kein zugelassenes Arzneimittel |
Beide Peptide werden wegen ihrer gemeinsamen Herkunft und des Pro-Gly-Pro-Designs oft zusammen diskutiert, und beide erscheinen in der Arbeit derselben neuropharmakologischen Gruppen. Dieser gemeinsame Kontext macht ihre Forschungsprofile jedoch nicht austauschbar — die Systeme, in denen jedes untersucht wird, unterscheiden sich erheblich.
Was die Evidenz nicht belegt
Selank und Semax gehören zu den am stärksten vermarkteten Forschungspeptiden und werden häufig mit Aussagen über Angst, Stress, Konzentration, Gedächtnis oder Kognition beworben. Diese Aussagen eilen dem, was die publizierte Forschung stützt, weit voraus. Die Literatur ist weitgehend präklinisch — Zellkulturen und Nagermodelle — und belegt nicht:
- Irgendeine Wirkung auf Angst, Stimmung, Stress, Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder Kognition beim Menschen — die Verhaltensarbeit stammt aus Tiermodellen und weist keine Wirkungen beim Menschen nach.
- Dass mechanistische Befunde (BDNF-Expression, Monoamin- oder Immunsignalgebung) sich in irgendeine funktionelle Wirkung beim Menschen übersetzen.
- Dosierung, Verabreichungswege oder Sicherheit beim Menschen — nichts davon ist hier belegt.
- Irgendeine „nootrope“ oder therapeutische Eigenschaft — das sind Marketing-Rahmungen, keine Schlussfolgerungen der Mechanismusforschung.
Wenn Sie eines der beiden Peptide für die Laborforschung beziehen, verweisen die Referenzen unten auf die Primärliteratur, und jede Produktseite führt die verfügbare analytische Dokumentation auf.
Häufige Fragen
- Sind Selank und Semax dieselbe Art von Peptid?
- Sie teilen ein Konstruktionsmerkmal — ein C-terminales Pro-Gly-Pro-Motiv für die enzymatische Stabilität —, stammen aber von unterschiedlichen Ausgangsmolekülen ab: Selank vom Immunpeptid Tuftsin, Semax von einem ACTH-Fragment. Sie werden in weitgehend verschiedenen Forschungssystemen untersucht.
- Wozu dient der Pro-Gly-Pro-Teil?
- In Forschungsmodellen wird der prolinreiche Pro-Gly-Pro-Schwanz als Möglichkeit untersucht, den enzymatischen Abbau zu verlangsamen, da prolinhaltige Enden vielen Peptidasen widerstehen. Es ist ein auf Stabilität ausgerichtetes Konstruktionsmerkmal, keine behauptete Wirkung.
- Verringern Selank oder Semax Angst oder verbessern sie das Gedächtnis?
- Eine solche Wirkung ist nicht belegt. Die publizierte Arbeit ist präklinisch — Zell- und Tiermodelle, die neurochemische Mechanismen untersuchen — und weist keine Wirkungen auf Angst, Gedächtnis oder Kognition beim Menschen nach. Marketing, das anderes behauptet, überzeichnet die Evidenz.
- Sind diese Peptide zugelassene Arzneimittel?
- Nein. Sie werden nur für die Laborforschung geliefert und sind in der EU, den USA und den meisten Rechtsordnungen keine zugelassenen Arzneimittel, Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel.
- Warum werden Selank und Semax oft verglichen?
- Weil sie eine russische Forschungsherkunft und das stabilisierende Pro-Gly-Pro-Motiv teilen und oft von denselben Gruppen untersucht werden. Der Vergleich betrifft gemeinsames Design und Kontext, nicht austauschbare Forschungsprofile.

